Landratte auf See

 
 
„Schreib doch einfach mal auf, wie das so war für dich auf diesem Törn”, hat der Seemann auf dem Heimweg zu mir gesagt. „Am besten als Geschichte, das kannst du doch so gut!” Der hat Nerven! Wie soll ich denn in eine Geschichte packen, was ich auf meiner ersten Seereise alles erlebt und empfunden habe? Ich, die Landratte (zumindest nennt er mich so), die sich schon auf der Priwall-Fähre an der Reling festhalten muss… 
Ich mag Schiffe, mag das Meer, Häfen und alles, was damit zu tun hat. Immer schon, ich bin mit der Sehnsucht nach Wind und Wellen groß geworden. Aber wie das so ist im Leben, mal wohnt man zu weit weg vom Wasser, mal passen „die Umstände” nicht, mal fehlt der Mut oder das Geld oder beides und Träume bleiben dann eben Träume. Und zu allem Übel (im wahrsten Sinne des Wortes!) hatte mein Körper in den letzten Jahren beschlossen, sich auf schwankendem Boden nicht mehr wohlzufühlen. 
 
Bis im Frühjahr letzten Jahres besagter Seemann und mit ihm die „Hansine” in mein Leben kamen. „Ich muss da noch was machen,” hat er oft gesagt und mich einfach mit an Bord genommen, wenn das Schiff fest vertäut vor Schuppen 6 lag. Ließ mich gucken und Fragen stellen, in Ruhe die tollsten Fotos schießen und ein Gefühl für diesen anderen, noch fremden Boden unter meinen Füßen bekommen. „Hansine” wurde mir mit der Zeit immer vertrauter, ich lernte einige Crew-Mitglieder kennen, hatte Spaß an Bord und immer die Sicherheit der Leinen am Poller. „Du kannst ja mal mitkommen, wenn wir auf der Trave fahren.” Schon der Gedanke daran brachte mich ins Wanken.  
Und dann war es plötzlich und fast unerwartet so weit. „Wir fahren am Montag nach der TraWo zurück nach Lübeck. Ablegen ist um zehn Uhr. Willst du mit? Noch sind Plätze frei!” „Das schaffe ich so früh nicht, sorry.” Blöde, wenn man nicht um die Ecke wohnt… „Dann komm schon am Sonntagabend und schlaf mit uns an Bord.” Mir rutschte fast das Herz in die Hose, aber ich sagte zu. Im Laufe der nächsten Tage wurde aus dem mulmigen Gefühl ein leises Grinsen, die Vorfreude auf mein Abenteuer hatte mich gepackt. Als würde ich wirklich auf große Fahrt gehen! Ich kaufte mir eine vernünftige Regenhose (das Wetter sollte nicht so toll werden), wappnete mich nicht nur gedanklich gegen die Seekrankheit und stand dann schließlich klopfenden Herzens am Kai.
 
Ein mutiger Schritt über das wackelige Brett und dann war ich an Bord. Ich wurde vorgestellt („Ach, du bist das! Schön, dich kennenzulernen!”) oder wiedererkannt („Ach, wir kennen uns doch! Du warst doch schon mal auf dem Schiff!”) und schon war ich da. Räumte mit auf, spülte Geschirr, bezog meine Koje, machte mich nützlich und stand dabei bestimmt oft genug im Weg. Große Schiffe fuhren vorbei, „Hansine” schwankte leicht und ich freute mich. Dann musste ich wieder von Bord, der letzte Törn stand an und ich guckte hinterher.  
Zeit mit Warten verbringen kann ich gut. Ich bummelte über die Meile, ließ mich treiben, bekam ein Bier geschenkt und genoss es auf der Bank vor dem Liegeplatz. Nicht allein, ein anderer Seemann setzte sich dazu und wir kamen ins Schnacken. Über das Leben und die Liebe, über Reisen und Träume, über Politik und eigentlich über alles, was man so im Laufe eines Bieres erzählen kann. 
 
Dann legte die „Hansine” wieder an. Ich ging wie ein Crew-Mitglied an Bord, stand wieder vor dem Spülbecken, räumte dies und das auf und weg und fühlte mich wohl. Irgendwann waren die Gäste von Bord, es gab das obligatorische Anlegebier und, wie nur für mich gemacht, ein grandioses Feuerwerk zum Abschluss der Travemünder Woche. Da war mir längst klar, dass ich nicht unter Deck schlafen würde. Nicht wegen der Enge, der Gerüche oder der Geräusche, sondern weil ich einfach nicht unter Deck sein wollte. Ich wollte die Nacht draußen erleben, hören, spüren, sehen, riechen…  
Zähne putzen irgendwo im Hafen, die letzten Fotos von der Stimmung um mich herum machen und dann legte ich mich auf die viel zu dünne Matratze. Schaute nicht in die Sterne, sondern ins viel zu helle Topplicht, und hörte statt dem Gluckern der Wellen betrunkene Menschen auf der Meile. Aber ich spürte dieses kleine Abenteuer ganz tief in mir, als hätte es nur gewartet.
 
Die Nacht war laut, unruhig und viel zu kurz. Um fünf Uhr kam die Müllabfuhr und danach setzte ein Vogelkonzert der besonderen Art ein: Möwen und Krähen gaben sich die Ehre, es war wirklich ohrenbetäubend! An Schlaf war nicht mehr zu denken und irgendwann saß ich (eingemummelt in meine Bettdecke) mit dem Rücken am Steuerstand, einen Becher Kaffee in der Hand und staunte. Eine Fähre nach der anderen fuhr Richtung Skandinavienkai, gegenüber wurde die Arbeit an der Spundwand aufgenommen, der Himmel wurde heller und bunt, verschlafene Männer kamen ans Tageslicht. Dass sich das Schiff bei jedem der großen Pötte bewegte, nahm ich gar nicht mehr wahr. 
 
Nach Katzenwäsche und Frühstück mit frischen Brötchen ging es langsam los. Die Crew war bald komplett, die Gäste kamen und ich war mir selbst überlassen. „Stell dich ganz nach vorne, da ist es am ruhigsten und du riechst den Motor nicht,” hatte mir der Seemann noch mitgegeben. Recht hatte er. Es war wirklich schön, den Liegeplatz ganz langsam zu verlassen, ganz ruhig. Zu sehen, wie wir uns vom für mich sicheren Festland entfernten und „in See stachen”. Die Hafenanlagen glitten vorüber, einige konnte ich zuordnen, andere wiederum natürlich nicht. Die Leute von der Crew taten, was zu tun war. Beantworteten Fragen, reichten Kaffee und andere Getränke und erzählten Seemannsgarn. Mittendrin, oder besser gesagt am Heck, der Skipper mit seiner ruhigen, besonnenen Art. Stand da, hielt das Steuer in den Händen, gab Anweisungen und strahlte eine Sicherheit aus, wie es nur Menschen können, die ihren Beruf mit Leidenschaft ausüben.
 
Ich war an der frischen Luft und genoss. Die Sonne schien, es wehte ein feines Lüftchen und die Landschaft glitt vorbei. Sattes Grün, Buchten, kleine Dörfer, auf dem Wasser andere Boote, Seezeichen und winzige Wellen. Ich war umgeben von einer heiteren, entspannten Menge, wohlwissend, dass es an Bord Menschen gab, die mich liebend gerne über die Planken geschickt hätten. Das hatte allerdings nichts mit „Hansine” zu tun, die war so fest unter meinen Füßen, als wären wir schon immer miteinander verbunden gewesen. Und ich hatte eine Frau aus der Crew an meiner Seite, mit der ich mich vom ersten Moment an wohl gefühlt hatte. Auch mit ihr gab es so viel zu erzählen, zu entdecken und zu lachen. 
 
Dann, irgendwie viel zu schnell, tauchte Lübeck mit seiner Hafenindustrie vor uns auf. Spannend, die Stadt, die ich so sehr ins Herz geschlossen habe, mal von der anderen Seite zu sehen! Die Türme, die alten Gebäude und Brücken, Kräne, teilweise morbider Charme, lost places, Hafen eben… Ich seufzte tief auf, als wir am Stadtgraben vorbei Richtung Schuppen 6 fuhren. Alles war so vertraut! An Bord herrschte Aufbruchstimmung, die Gäste sammelten ihre Jacken und Rucksäcke ein. Beim Anlegemanöver stand ich grinsend da, guckte zu und verstand plötzlich so viel von dem, was ich bisher immer nur aus Erzählungen kannte. 
 
Ich konnte noch ein wenig an Bord bleiben, half, wo ich konnte (ich kannte mich ja inzwischen aus!) und hörte der Crew bei ihren Geschichten und Späßen zu. Irgendwie wollte ich auch noch nicht von Bord, wollte nicht, dass sie schon zu Ende ist, meine erste große Fahrt. Ich saß an Deck und ließ die letzten Stunden Revue passieren. Es war so viel mit mir passiert. Klarheit für die Zukunft, dicke Tränen und stilles Glück, alles durcheinander - und natürlich der Stolz darauf, dass ich eine weitere Mutprobe im Leben bestanden hatte. Ich dankte der „Hansine”, die schon so viele Stürme überstanden und nun auch noch meinen “inneren” Sturm ausgehalten hatte. Und dann ging ich von Bord… 
 
„Und? Wie war’s für dich?”, fragte der Seemann auf dem Heimweg. „Schreib doch einfach mal auf, wie das so war für dich auf diesem Törn!”