Für Margareta



Diese Geschichte ist, anders als meine anderen Geschichten, nicht wirklich so geschehen. Der Inhalt an sich ist wahr, echt, authentisch. Aber der Rahmen drumherum ist frei erfunden. Obwohl  - es hätte durchaus so gewesen sein können…

Neulich saß ich mal auf einer Bank am Wasser und träumte mich durch den Tag.

Da setzte sich einer neben mich, Typ alter Seebär. Wettergegerbtes Gesicht, Bart, Schwielen an den Händen, Pfeife im Mund.
Fing an zu reden und ich rollte insgeheim mit den Augen. Schon wieder so ein Schnacker…
Aber er ließ nicht locker, erzählte mir von seinen Schiffen und seinen Abenteuern, vom Wind in der Karibik und vom Sturm auf der Nordsee.
Von den Sternen in der Nacht und den Wolken am Tag. Von Kapitänen und ihren Mannschaften. Und von seiner Sehnsucht nach mehr Meer.

Erzählen konnte er ja! Und da ich nichts besseres zu tun hatte, hörte ich ihm dann doch ganz gebannt zu. Stellte Fragen, wollte plötzlich so viel wissen…
Bis er dann ganz unvermittelt sagte:

„Na, und du, mein Mädchen? Mit dem Maritimen hast du es nicht so, oder?"

Wie bei plötzlichem kräftigen Wind von vorne blieb mir für einen Moment die Luft weg.
Was bildet der sich denn ein!

Nur weil mir manchmal schon auf den Landungsbrücken schlecht wird? Na und? Mir wird auch im Kinderkarussell schlecht und beim Wiener Walzer.
Nur weil ich nicht gerne im Meer schwimme? Ich muss halt auch im Wasser wissen, wo ich bin. Und auf welchen Grund ich meine Füße stellen kann.
Nur weil ich Schiffe lieber anlegen als ablegen sehe? Ich hab als Kind wohl zu oft Schnotten und Tränen geweint, wenn das letzte Tau vom Poller gelöst wurde.
Nur weil es von meinem Zuhause aus fast zwei Stunden dauert, bis ich am richtigen Wasser bin? Ich bin halt da, wo ich jetzt bin, verankert.

So ein Klookscheter, dachte ich. Der weiß doch gar nichts von mir!

In dem Moment hätte ich ihm gerne die Geschichte von der Bootsmannsmaatenpfeife erzählt und wie ich heimlich geübt hatte, “Seite” zu pfeifen.
Und vor allem hätte ich ihm gerne die Geschichte von mir und dem Bootsmann erzählt…
Aber stattdessen habe ich ihm von den Sonntagen erzählt, an denen ich um sechs Uhr früh mit dem Hamburger Hafenkonzert vom NDR geweckt wurde. Das lief bis acht Uhr, danach kam das Hafenkonzert auf der Hansawelle von Radio Bremen. Bis zehn Uhr…
Kein leichter Start in den Tag für einen Teenager, vor allem, wenn abends das Wunschkonzert mit Seemannsliedern kam - natürlich auch wieder auf der Hansawelle.
Zwischendurch gab’s dann immer wieder den
„Großen Zapfenstreich”, James Last oder Freddy Quinn vom Plattenspieler.

„Ich kriege heute noch Pipi in die Augen dabei”, habe ich gesagt - und er hat genickt, aber nicht weiter gefragt.

Ich hätte ihm auch gerne erzählt, warum ich so gerne Knoten in alle möglichen Tüdelbänder, Halstücher, Anorakbändsel und so weiter mache.
Und warum ich in meinem Schmuckkästchen zwei goldene Manschettenknöpfe mit dem Gordischen Knoten aufbewahre.
Die sind übrigens von einem besonderen Seemann und haben eine ganz eigene Geschichte.
Aber stattdessen habe ich ihm erzählt, wie sehr ich alles liebe, was mit dem Geruch nach Arbeit, Hafenwasser, Fisch und harten Kerlen zu tun hat.
Das Geschrei der Möwen und der Austernfischer, der Lärm der Maschinen und der Motoren, Flaggen, die im Wind knattern - ein Festival für meine Ohren!
Am Deich, auf der Mole oder am Pier stehen, fest verankert und doch irgendwie unterwegs.
Und wie es ist, von den Küssen, die laut Lale Andersen nach Salz und Meer schmecken, zu träumen. Er hat gelächelt, aber nichts gesagt.

Vielleicht hätte ich ihm auch von dem einen Stein erzählen sollen, der da in einer meiner vielen Kisten liegt.
Einer von hunderten in einer von Dutzenden.
Fast alle irgendwo am Meer gefunden, glitzernd von der Gischt im Sand oder unter Algen, Müll, Treibholz verborgen.
Ein Feuerstein vom Ostseestrand - natürlich kein Hühnergott!
Aber dieser eine Stein hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, erzählt er doch von meinem Lieblingsmärchen - „Vom Fischer und seiner Frau".
Aber stattdessen habe ich ihm vom Barfußlaufen am Strand erzählt, vom Streicheln der Wellen an den Waden, vom Pieksen der kleinen, noch nicht rund geschliffenen Steinchen und von den Muscheln, die so fiese Schnitte unter den Füßen machen können.
Er hat gegrinst, aber die Narben wollte er nicht sehen.

Ach, ich hätte ihm auch gerne von den Hafenstädten erzählt, die ich so gerne mal besuchen würde.
Rotterdam, Dünkirchen, Le Havre und und die Brücke nach Honfleur, Cherbourg…
Überhaupt - der Kanal und die Atlantikküste, so unerreichbar fern für mich.
Die Geschichten darum, das Essen und das Trinken, die Fischer und die großen Pötte, die man weit draußen nur ahnt.
Die große weite Welt, in die ich gar nicht will, die ich aber so gerne mal mit den Augen vom Strand aus suchen würde.

Aber stattdessen habe ich ihm von der
„Margareta" erzählt, einem kleinen Schiffchen in einem ebenso kleinen Hafen, auf dem ich manchmal sein darf und auf dem mir noch nie schlecht geworden ist.
Von den Menschen dort und ihren Geschichten, von der Stimmung, dem Tun und dem Lachen dort.

Und ich hab ihm von dem kleinen Kloß in meinem Hals erzählt, den ich bekomme, wenn ich es so ruhig und sicher vertäut im Fleet liegen sehe.
Wohlwissend, dass ein Schiff dafür nicht gebaut ist.
Da hat er gelacht - weil er nun doch ein bisschen von mir wusste…


Das war meine Geschichte
Für Margareta” - die eigentlich ganz anders heißen müsste ...